Das Anschreiben ist der am meisten gefürchtete und am wenigsten geliebte Teil der Bewerbung. Viele schreiben es zuletzt, in dreißig Minuten, und merken selbst, dass es nach nichts klingt. Dabei ist es der einzige Ort, an dem du erklären kannst, was der Lebenslauf nicht zeigt.
Wofür das Anschreiben da ist
Der Lebenslauf beantwortet: Was hast du gemacht? Das Anschreiben beantwortet: Warum passt das zu genau dieser Stelle?
Das ist der ganze Zweck. Wenn dein Anschreiben den Lebenslauf in Fließtext wiederholt, hat es keine Aufgabe erfüllt. Und wenn es zu jeder zweiten Stellenanzeige passen würde, auch nicht.
Bei KI-Praktika kommt eine Besonderheit hinzu: Die Person, die es am Ende liest, ist oft technisch. Blumige Formulierungen wirken dort nicht souverän, sondern leer. Konkretheit gewinnt.
Der Aufbau in vier Absätzen
Absatz 1: Der Bezug
Kein "hiermit bewerbe ich mich". Steig mit dem ein, was dich mit dieser Stelle verbindet.
Ihre Ausschreibung für ein Praktikum im Bereich Computer Vision habe ich mit Interesse gelesen, weil ich mich in meiner Bachelorarbeit sechs Monate mit Segmentierung von Mikroskopieaufnahmen beschäftigt habe - dieselbe Klasse von Problem, nur in einer anderen Domäne.
Das ist der erste Satz, und er sagt schon zwei Dinge: Ich habe die Anzeige gelesen, und ich habe fachlich etwas vorzuweisen.
Absatz 2: Was du kannst - mit Beleg
Hier gehören die Projekte hin, aber nicht als Liste. Nimm eines, das zur Stelle passt, und erzähl in drei bis vier Sätzen, was du gemacht hast und was dabei herauskam.
In einem Semesterprojekt habe ich ein Modell zur Erkennung von Rissen in Betonoberflächen trainiert. Der lehrreichste Teil war nicht das Training, sondern die Erkenntnis, dass unsere ersten Ergebnisse zu gut aussahen: Aufnahmen desselben Bauteils lagen in Trainings- und Testdatensatz. Nach der Korrektur fiel die Genauigkeit von 96 auf 81 Prozent - und war zum ersten Mal aussagekräftig.
Ein solcher Absatz ist Gold wert. Er zeigt fachliches Verständnis, Ehrlichkeit und die Fähigkeit, aus einem Fehler etwas zu lernen. Alle drei Dinge lassen sich nicht behaupten, nur zeigen.
Absatz 3: Warum dieses Unternehmen
Der Absatz, der am häufigsten verunglückt. "Ihr innovatives Unternehmen mit spannenden Projekten" ist keine Begründung, sondern eine Füllfloskel.
Wenn du etwas Konkretes über die Firma weißt, schreib das: ein Produkt, ein Vortrag, eine Veröffentlichung, ein Blogbeitrag des Teams. Wenn du nichts weißt, wird es schwierig - dann ist die ehrlichste Variante, den fachlichen Bezug zu nennen, statt Begeisterung zu behaupten.
Dass Sie Modelle nicht nur trainieren, sondern auch selbst betreiben, ist für mich der interessante Teil: Ich möchte lernen, was mit einem Modell passiert, nachdem es das Notebook verlassen hat.
Absatz 4: Das Organisatorische
Kurz und vollständig: Zeitraum, Dauer, Pflicht oder freiwillig, Verfügbarkeit für ein Gespräch.
Für mein Pflichtpraktikum gemäß Studienordnung suche ich einen Platz für 20 Wochen ab dem 1. März 2027. Für Rückfragen stehe ich jederzeit zur Verfügung.
Damit ist alles beantwortet, was die Personalabteilung wissen muss - ohne Rückfrage.
Länge und Form
Eine Seite ist die Obergrenze, eine halbe bis dreiviertel Seite ist besser. Absätze mit Leerzeile dazwischen, keine Blocksatz-Wüste.
Die Anrede: Wenn in der Anzeige eine Person genannt ist, sprich sie an. Wenn nicht, ist "Sehr geehrtes Team des Bereichs Data Science" besser als "Sehr geehrte Damen und Herren" - es zeigt, dass du weißt, wohin du schreibst.
Formulierungen, die du streichen kannst
Diese Sätze stehen in fast jedem Anschreiben und sagen nichts:
- "Hiermit bewerbe ich mich um..." - das ist aus dem Betreff bereits klar
- "Ich bin ein Teamplayer" - behauptet jeder
- "Ihr innovatives Unternehmen" - passt auf jedes Unternehmen
- "Ich bin hochmotiviert" - wäre die Bewerbung sonst hier?
- "Über eine Einladung würde ich mich sehr freuen" - höflich, aber verzichtbar
Ersetze jede dieser Floskeln durch ein Beispiel. Statt "Teamplayer": eine Zeile darüber, wie ihr euch im Projektteam die Arbeit aufgeteilt habt und was dabei schiefging.
Zwei Fehler, die teuer sind
Der falsche Firmenname. Passiert bei Serienbewerbungen, und es ist sofort vorbei. Lies vor dem Absenden immer den ganzen Text, nicht nur die geänderte Stelle.
Fachliche Übertreibung. "Umfangreiche Erfahrung mit Transformer-Architekturen" nach einem Onlinekurs ist gefährlich, weil im Gespräch nachgefragt wird. Untertreiben ist auch keine Lösung - aber genau treffen ist möglich: "Erfahrung mit vortrainierten Transformer-Modellen aus zwei Projekten, Architektur selbst nicht implementiert."
Wenn du wenig vorzuweisen hast
Nicht jeder hat im dritten Semester schon drei Projekte. Das ist normal, und es lässt sich ehrlich handhaben.
Nimm, was du hast: eine Übungsaufgabe, die du über das Geforderte hinaus ausgebaut hast. Eine Datenauswertung für einen Verein. Ein kleines Werkzeug, das dir selbst Arbeit abnimmt. Der Maßstab ist nicht Größe, sondern Eigenständigkeit - alles, wo du selbst entschieden hast, was zu tun ist, zählt mehr als eine perfekt gelöste Vorgabe.
Und wenn wirklich nichts da ist: Bau in den nächsten zwei Wochen etwas Kleines. Ein Nachmittag mit einem öffentlichen Datensatz, eine ordentliche Auswertung, eine README. Das ist mehr wert als das beste Anschreiben ohne Substanz.
Zum Schluss
Ein gutes Anschreiben ist kein Kunstwerk. Es ist ein kurzer, konkreter Text, aus dem hervorgeht, dass du die Stelle gelesen hast, etwas kannst und weißt, wann du kommst. Wer das in vier Absätzen schafft, ist weiter als die meisten.
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